Beitragsseiten

Roland Brückner, Basel

Zusammenfassung:
Die Prismenkorrektion einer Augenmuskelparese in Verwechslung mit einer Heterophorie kann schaden: Übersehen einer organischen Hirnerkrankung!

Durch schwache – unnötige – Primen Schaden zu stiften, ist bei robustem normalen Binokularsehen nicht möglich. Grobe Fehlkorrektionen werden vom Patienten unmittelbar abgelehnt.

 

„Nur“ refraktionsbedingte Asthenopien und „zusätzlich“ heterophore Asthenopien sind voneinander zu unterscheiden.

Heterophorische Asthenopien mit Prismen zu erzeugen oder zu verstärken, ist denkbar bei Anlage zu disparater Fusion oder zu disparater Korrespondenz. Man müsste an Stelle von „neutralisierenden“ Prismen um 180° verkehrte Prismen tragen lassen, und so das Augenpaar verstärkt in die Anomalie hineintreiben. Das wäre als realer Schaden zu taxieren. Schaden entstünde voraussichtlich auch, wenn schielenden und nicht schielenden Kleinstkindern unzweckmäßige Prismen verordnet würden. Derartige hypothetische Experimente sind jedoch ethisch nicht vertretbar. Schaden kann wohl auch die Nichtanwendung der Polatest – Untersuchung, wenn sie indiziert ist.

Bei genügender Erfahrung und Sorgfalt des Brillenbestimmers können jedoch mit dem Polatest ermittelte Prismen nicht schaden.

1. Asthenopie

Asthenopie ist ein mehr oder weniger auffälliges Beschwerdebild. Beispiele: rasche Ermüdung beim Lesen; Tränenträufeln beim Lesen; Brennen oder Jucken der Bindehaut beim Lesen; Druckgefühle über einem oder beiden Augen; Kopfschmerzen; Blendungsempfindlichekeit (!); ein besonderes Bild bietet die gequälte Fusion bei einer nicht zu schweren Augenmuskelparese; Zerfall in Diplopie und wieder einfangen des Augenmuskelapparates zur regelrechten Binokularität. Beschwerden können sich steigern zu Brechreiz, Migräneanfällen und selten zu vegetativen Syndromen.

Die Schaltstelle im Zentralnervensystem, welche unter entsprechender Belastung asthenopische Beschwerden produziert, wird in physisch und vegetativ robusten Menschen selten in Aktion versetzt. Menschen mit organischen Sehbehinderungen aber mit trainierbaren Sehresten, z.B. bei Albinismus, bei totaler Farbenblindheit, bei Trübungen in der Hornhaut oder der Linse, und bei Fehlbildungen im Augeninnern, kennen Asthenopiesyndrom im allgemeinen nicht. Auch bei großwinkligem Strabismus ist Asthenopie ungewöhnlich. Zu den Voraussetzungen für Asthenopie gehört also nicht ein schlechter Visus, auch nicht Einäugigkeit, sonder ein qualitativ recht vollkommen konstruiertes Augenpaar.

Eine weitere Voraussetzung ist die Veranlagung. Bei vielen Menschen manifestiert sie sich nie. Wohl aber kann sie durch allgemeine Erkrankungen, durch ein Schädeltrauma und auch durch massive Überanstrengung des Sehorgans zu Tage treten. Die Reizschwelle an der supponierten Schaltstelle für Beschwerden ist dann erniedrigt. Zur typisch-heterophorisch-asthenopischen Veranlagung gehört schließlich eine nur suboptimale zentrale Koordination der Augäpfel – der Fusion – und/oder der Korrespondenz.

Die Differentialdiagnose zwischen der Asthenopie auf Grund von Refraktionsfehlern bzw. von unzweckmäßig korrigierten Refraktionsfehlern und der heterophorischen Asthenopie kann aus dem Charakter der Beschwerden vorläufig nicht gestellt werden. Der Erfahrene erhält allerdings bereits nach kurzer Anamnese Hinweise und mit Hilfe des Polatestes klärt sich die Diagnose schnell. Wer den Polatest nicht anwendet, erfährt das Resultat – umständlicher – ebenfalls ex juvantibus. Das heißt, sistieren die Beschwerden nach exakter Korrektion des Refraktionsfehlers, braucht er nach heterophorischer Asthenopie nicht mehr zu suchen; kehren sie Beschwerden wieder, muss er den Fall überweisen.

Vielen Ophtalmologen will es nicht einleuchten, dass ein zentral-nervöses Beschwerdebild allein durch eine Prismenbrille gelöscht werden kann. Die positiven Erfahrungen sind aber so zahlreich, dass die Forderung besteht, den Prismenbrillen- Versuch anderen Abklärungen voranzustellen. Verläuft er positiv, bleiben dem Patienten andere Untersuchungen, oft langes Fernbleiben von der Arbeit und finanzielle Opfer, erspart.

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Ok